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Foto: Raoul Roettgers

D‘Cathy Clement ass eng lëtzebuergesch Autorin a Molerin, si hält Liesungen a Workshoppen a Lycéeën.
D’Schreiwen, d’Liesen an d’Mole sinn hir Hobbyen.
Hier Romaner Aleng, Sinus Cosinus, Lene an Alles an den Zoo goufen vum Verlag Op der Lay erausbruecht.
Hiert éischt Kannerbuch De Fäert-Uasch -Ze léif fir dës Welt? ass am Mee 2018 bei den Editions Schortgen erauskomm.

Den Text ‚Eine von fünf‘ huet Si eis fir d’Onverëffentlecht Säit aus dem virtuellen Tirang geholl.
Merci, ech freeë mech driwwer …
An där Kuerzgeschicht geet et ëm d’Trauer an den Doud.

Eine von fünf:

Herr Schumann ist doof. Er nervt so sehr, das kann man sich gar nicht vorstellen! Jeden Tag steht er morgens auf und erfindet beknackte Aufgaben, nur um uns, seine Schüler zu quälen. Die reinste Tortur! Nur, weil er so ein hochbegabtes Lesegenie ist, müssen wir allesamt leiden. Dieser trottelige Möchtegern-Schriftsteller. Ha, dass ich nicht lache! Nicht nur, dass wir andauernd todlangweilige Bücher lesen müssen, nein, damit nicht genug! Herr Schumann hat sich in den Kopf gesetzt, richtige Autoren aus uns zu machen. Jedenfalls hat er uns – die ganze Klasse- schon letztes Jahr für diesen bescheuerten Schreibwettbewerb angemeldet. Seitdem ist bei dem, befürchte ich, eine Sicherung durchgebrannt. Wir rechnen kaum noch, Turnen fällt aus und Basteln fand er sowieso immer schon Zeitverschwendung.
„Wenn ich mir eure schaurigen Zeichnungen ansehen muss, bekomme ich Augenkrebs!“, tat er damals lauthals kund.
„Augenkrebs!“, so hat er sich ausgedrückt.
Seit diesem Tag, hasse ich ihn. Ich schwöre!
Meine Tante hat Krebs. Nicht in den Augen, sondern in ihrer rechten Brust. Von fünf Frauen, bekommt eine Krebs, hat Mama mir erklärt. Eine von fünf. Das ist Kalisa. Leider.
„Ok“ habe ich damals erleichtert zu Mama gesagt, „dann bekommen wir das ja nun gottseidank nicht!“
Dem ist aber nicht so. Mama hat gesagt, diese Frage sei sehr naiv gewesen und so etwas darf ich nie wieder sagen. Jeder kann Krebs bekommen. Das ist Schicksal und unberechenbar.
Wir wissen nicht, ob Kalisa den Krebs besiegen kann oder ob er letztendlich sie besiegen wird. Im Moment sieht es schlecht aus.
Ihr müsst wissen, dass Kalisa eine extrem liebe Person ist. Ohne zu übertreiben, sie ist echt die beste Tante der Welt für mich. Wenn sie mit mir shoppen geht, bekomme ich die tollsten Klamotten und einmal nahm sie mich sogar mit ins Nagelstudio nach Irrel. Dort bekam ich eine Maniküre, wie eine erwachsene Frau. Das fühlte sich so toll an. Meine Finger waren so glücklich in diesem kleinen Plastikbehälter, sie genossen das Schwimmen im warmen Wasser so sehr, dass es sich richtig nach Urlaub anfühlte. In meinem ganzen Körper. Ich stellte mir vor, wie das wohl aussieht, wenn meine Finger ganz alleine Ferien machen. Am Strand lungern, Musik hören, Eiscrème schlecken. Vielleicht flirten? Mit dem knackig-braunen Bademeister in seinen roten Baywatch-Shorts und sonst nichts. Ich stellte mir auch Badeklamotten für meine Finger vor. Schicke Bikinis mit Busenpolstern und Blumenmustern. Hawaii-Badehosen für die Jungs. Aloha. Alle jung und fit. Nur die zwei Daumen wollten nicht so recht mitspielen, also verpasste ich ihnen langweilige braune Bademäntel und doofe Sonnenhüte aus Stroh. So mussten sie den ganzen Tag griesgrämig dreinblicken und ihre Kopfbedeckung festhalten, weil sie ja Angst hatten sich zu blamieren. Es sieht eben albern aus, wenn man seinem Hut hinterherrennen muss und alle einem dabei zusehen und sei es nur aus Langeweile. Die beiden Daumenmenschen waren in meiner Vorstellung auch ziemlich fett und wie jeder weiß, laufen Dicke nicht so gern vor Publikum hin und her.
Kalisa ist so eine Person, die das alles versteht. Als ich ihr das später im Auto erzählte, lachte sie so herrlich laut und ergänzte meine Geschichte noch um das eine oder andere Detail. So verging die Zeit wie im Flug, aber so ist das immer, wenn wir beide zusammen sind.
Das ist ja alles schön und gut aber nun mag sie mich nicht mehr sehen. Damit bricht sie mir das Herz.
Sie meint – das weiß ich nur von Mama- es wäre besser für mich. Ich verstehe das einerseits aber andererseits auch nicht. Ich meine, ich bin doch kein kleines Kind mehr. Im März werde ich 12. Ich weiß, was es heißt, wenn jemand krank ist und das macht mir nichts. Einmal hatte Mama eine ganz schreckliche Grippe und hat bei uns in der Küche neben den Esstisch auf die Fliesen gekotzt. Das war nicht schön, aber so schlimm war das nun auch wieder nicht. Wenn Mama Fieber hat, ist sie auch immer ganz zerzaust und sieht schlecht aus. Wenn ihre Nase dann auch noch verstopft ist, dann stinkt sie aus dem Mund, wenn sie mit mir spricht. Das ist bei Menschen ganz normal und es ist gut, wenn ich mich an all das schon gewöhne, weil ich nämlich Krankenschwester werden will. Wie Tante Kalisa. Sie hat so vielen armen Patienten geholfen und nun ist sie selber krank. Das ist doch die beste und richtigste Antwort auf die Frage, die sich alle immer stellen, wenn sie arg gebeutelt werden, oder jemand, den sie lieben: „Was haben wir verbrochen?!“
„Nichts! Überhaupt gar nichts. Nada, niente, nothing!“
Tante Kalisa hat nämlich noch nie jemandem etwas angetan. Sie ist so eine Frau, die immer an allererster Stelle möchte, dass es den andern gut geht. Deshalb möchte sie mich schützen. Sie will nicht, dass ich sie ohne Haare und ohne Wimpern sehe. Mama sagt, sie sieht aus wie ein Alien. Das habe ich gehört. Mit mir spricht Mama natürlich nicht darüber. Deshalb lausche ich. Ich kann nicht anders. Ich muss. Es ist wie eine Sucht.
Wie soll ich heute bloß diesen nichtigen Aufsatz schreiben? „Auf dem Rummelplatz!“. 1000 Wörter. Also echt! Themen, die die Welt bewegen. Total ausgelutscht!
Ich muss endlich anfangen, es ist schon halb sechs.
Letzte Woche war Herr Schuhmann schon „schrecklich enttäuscht“ von mir, wie er sich ausdrückte. Aber bitte! Dann soll er mir mal erklären, wie er das schaffen würde. „Beim netten Tierarzt.“ Wieder so ein Heile-Welt-Thema für Hochbegabte, Besserwisser und Schlaumeier. Susanne kriegt Lobeshymnen von hier bis zum Mond, während man von mir nur noch „enttäuscht“ ist. Dabei war sonst immer ich, die Beste in Deutsch. Aber egal, Rummeldumm!
Jeden Tag ändert sich hier etwas und auch wieder nichts. Manchmal hat Mama gekocht aber meistens nicht. Sie fährt jeden Morgen zu Kalisa um ihr zu helfen. Kalisa kann nicht mehr kochen, sie kann nicht mehr putzen. Sie kann keine Wäsche mehr machen. Sie kann kaum mehr alleine essen. Der Teller ist zu schwer. Das muss man sich mal vorstellen! Der Teller! Vor 3 Monaten hat sie noch Patienten in Rollstühle gehievt und jetzt das! Und meiner einer soll fröhliche Rummelplatzgeschichten schreiben für irgendwelche kindischen Wettbewerbe. Ich kann das nicht! Sie fehlt mir so sehr!

Text: Cathy Clement

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