image1Foto: M. Bothor

Wann haben Sie bemerkt, dass Sie ein Talent zum Schreiben haben?
Es gab keinen Moment. Ich schreibe Geschichten und Gedichte, seit ich schreiben kann. Die Nutzung meiner neu erlernten Fähigkeiten zu künstlerischen Zwecken geschah unbewusst. Anstelle von Talent würde ich von Notwendigkeit schreiben. Offenbar brauchte ich es immer, deshalb habe ich es unbewusst immer trainiert.

Wie hat sich Ihr Leben nach den ersten Veröffentlichungen verändert? Wurden Sie vom Erfolg überrascht?
Erfolg wird immer herbeigesehnt, man ist dann aber doch überrascht von der Art und Weise, wie er eintritt und was man selbst dabei empfindet.

War es schwierig für das erste Buch einen Verlag zu finden?
Nein, überhaupt nicht. Christian Ruzicska, der Gründer, ist ein alter Freund aus Bonner Studententagen. Ich schickte ihm „Mein Leben in Aspik“, als es erst 100 Seiten dick war. Er war begeistert und sagte, damit könne er einen Verlag gründen. Er hat den Secession gegründet.

Was ist für Sie der schwierigste Moment – den ersten Satz zu schreiben oder den letzten?
Weder noch. Beide ereignen sich eher, als dass ich sie willentlich erzeuge. Schwierig ist für mich das, was nach dem Schreiben beginnt: Das Lektorat, die Publikationsphase, die Repräsentation des Buchs in der Öffentlichkeit, kurz: alles, was nicht unmittelbar mit Schreiben zu tun hat, fordert mir sehr viel Geduld und Disziplin ab.

Haben andere Autoren Sie beeinflusst – und wenn ja: Wie?
Ich betrachte mich als Schüler vieler großer Meister:
Gabriel García Márquez hat mir beigebracht zu fliegen und dabei einen langen Atem zu haben.
José Saramago hat mir beigebracht, wie viele Möglichkeiten es gibt, den Leser ins Buch zu ziehen, oder ihm zu zeigen, wie viel von ihm selbst im Buch steckt.
Fernando Pessoa hat mir einen Spiegel vorgehalten, in dem ich mich erschrocken selbst erkannt habe.
Georg Büchner hat mich mit seiner Sprache und seiner poetischen Kraft verzaubert und mir gezeigt, wie man Fakten so verarbeiten kann, dass dabei große Kunst entsteht.
Salman Rushdie hat mir gezeigt, wie man auch als Schüler des magischen Realismus noch Neues erschaffen kann.
Jack London hat mir beigebracht, wie man die ganz harten Dinge erzählt, nämlich mit Genauigkeit und ohne Übertreibungen.
Astrid Lindgren hat mich gelehrt, wie man auf Menschen schaut.
Leonard Cohen hat mir gezeigt, dass man immer die maximale Tiefe des Gefühls zum Ausdruck bringen kann, wenn man sich Zeit lässt.
Bertolt Brecht hat mir gezeigt, wie man mit einer klaren Vision schreibt.
Shakespeare hat mir gezeigt, dass man alles darstellen kann, wenn man seinem inneren Gespür für Stimmigkeit und Relevanz folgt.
Goethe und Schiller haben mir gezeigt, wie ich nicht schreiben will.

Wie lange dauerte es von der Idee bis zum fertigen Produkt?
Das kommt sehr auf den einzelnen Roman an.
Bei „Mein Leben in Aspik“ waren es acht Jahre.
Bei „Adams Fuge“ dauerte es noch länger, die Grundidee stammte aus der Mitte der 90er Jahren.
Bei „Glückskind“ vier Jahre.
Bei „Königreich der Dämmerung“ neun Jahre.
Bei „Marie“ fünf Monate.
Bei meinem neuen Buch – „Den blinden Göttern“ (Erscheinungsdatum voraussichtlich Herbst 2018) – ein halbes Jahr.
Einige Ideen warten nun schon seit fast 20 Jahren auf ihre Umsetzung, und ich weiß nicht, wann ich dazu komme, sie endlich zu schreiben.

Schreiben Sie mit der Hand, der Schreibmaschine, dem Computer? Wie darf man sich Ihren Arbeitsplatz vorstellen?
Ich schreibe ausschließlich am Computer, ich sitze zu Hause an meinem Schreibtisch, links und rechts neben mir Bücherstapel, Merkzettel, Korrespondenz. An beiden Wänden links und rechts vom Schreibtisch hohe Regale voller Bücher.

EBooks oder Papierdruck?
Sachbücher, die ich für die Recherche benötige, kaufe ich fast nur noch als EBooks, Belletristik ausschließlich als Papierdruck.

Was halten Sie von Eselsohren in Büchern?
In meinen eigenen Büchern ist mir das egal. Bei Büchern meiner Frau achte ich darauf, keine Eselsohren zu machen, weil es sie stört.

Nehmen Sie sich die Kritiken zu Ihren Büchern zu Herzen?
Nicht wirklich. Ich habe in jedem Buch das Beste geschrieben, was ich schreiben konnte. Wenn das jemandem nicht gut genug ist, kann ich nur mit den Schultern zucken. Was mich im Fall einer schlechten Kritik bekümmert, ist der Gedanke, dass sie den Verkauf negativ beeinflussen wird, was meine Lebensgrundlage und meine Existenz als Künstler gefährdet.

Was ist das Geräusch/der Geruch Ihrer Kindheit?
Der Geruch: Eine Bibel in der Schulkirche – Geruch nach Buch.
Geräusch: langsam vorbeifahrende Autos, während ich nachts im Bett liege.

Welchen Kindheitstraum haben Sie sich noch nicht erfüllt?
Ich hatte als Kind keine Träume für die Zukunft. Als Jugendlicher wollte ich unbedingt einmal im Dschungel leben – das tat ich zwischen 2002 und 2004. Und ich wollte unbedingt meine eigenen Sachen veröffentlichten – auch das habe ich gemacht.

Wenn Sie mit einem Fingerschnipsen etwas in Ihrem Leben ändern könnten – was wäre es, und warum?
Ich wäre öfter zu meinem Vater gefahren, hätte mich weniger mit ihm gestritten und wäre mit ihm in sein Heimatland gereist. Mein Vater starb vor fünf Jahren, und ich hätte noch viel mit ihm besprechen und noch viel Zeit mit ihm verbringen wollen.

Welche Figur aus einem Roman oder einem Film würden Sie gerne treffen – und was würden Sie ihm / ihr sagen?
Diese Frage kann ich nicht beantworten, weil ich gar nicht den Wunsch habe, fiktive Figuren in der Realität zu treffen.

Was bedeutet Familie für Sie?
Familie ist der Ort der Geborgenheit, aber auch der Ort, an dem man sich nicht verbergen kann vor den anderen. Die Familie – das sind die Menschen, die dich durchschauen und trotzdem zu dir halten. Die wichtigsten Auseinandersetzungen hat man mit der Familie.

Haben Sie ein Lieblingsbuch?
Schwierige Frage. Ich habe keine Lieblingsbücher, eher Bücher, in denen ich eine Zeit lang gelebt habe, die wichtig für mich waren, weil sie mir etwas eröffnet haben. Bücher also, die eine Epoche in meinem Leben geprägt haben. Dazu gehören: „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez. „Das Evangelium nach Jesus Christus“ von José Saramago. Die „Dreigroschenoper“, „Der gute Mensch von Sezuan“, „Mutter Courage und ihre Kinder“ von Brecht. „Dantons Tod von Büchner“. Die Novelle „Lenz“ von Büchner. „Woyzeck“ von Büchner. „Macbeth“, „Hamlet“ und die Sonette von Shakespeare. „Biedermann und die Brandstifter“ und „Homo Faber“ von Max Frisch. „König Ödipus“ von Sophokles. Viele Gedichte von Fernando Pessoa. Einige Gedichte von Rilke. Das „Poema Sujo“ von Ferreira Gullar. „Der Ursprung des Kunstwerks“ von Heidegger. „Semeiotikon“ von Julia Kristeva. „Jenseits von Gut und Böse“, „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“, „Unzeitgemäße Betrachtungen“ von Nietzsche. „Die Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno. „Der Guru trinkt Schnaps?“ von Dzongsar Jamyang Khyentse.
Dies alles sind Bücher, in denen ich eine Zeit lang gelebt habe, sie alle haben mich verändert.

Wie würden Sie sich in drei Wörtern beschreiben?
Vergisst die Hälfte.

Was ist Ihnen wichtig, am Ende eines oder vielleicht sogar: eines jeden Tages getan zu haben?
Am wichtigsten ist für mich, jeden Tag zumindest einmal zu mir selbst gekommen zu sein.

Die beste Entscheidung Ihres Lebens war?
Kinder zu haben.

Wann können Ihre Leser mit dem nächsten Buch rechnen?
Bald.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s